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Niklas Schaab
Referenzen und Arbeitsproben
Artikel für die Rheinische Post:
Daumenkino auf Deutschlandreise
Stellen Sie sich vor, mitten im Wald kommt Ihnen
ein junger Mann mit einer Art Bauchladen entgegen. Er geht direkt
auf Sie zu und fragt, ob Sie seine Daumenkinos anschauen wollen.
Spätestens jetzt werden Sie denken: Der ist verrückt!.
Dabei meint dieser Mann es durchaus ernst.
Volker Gehrling, ausgebildeter Kameramann, bezeichnet
sich als Daumenkinograph. Normalerweise zeigt der gebürtige
Rheinländer seine Daumenkinos vor allem auf dem Prenzlauer
Berg oder in Berlin Mitte. Dort findet er immer sein Publikum, unter
den Kreativen, den Ausgeflippten, den Künstlern und denen,
die es gerne wären. Interessiert schaut sich jeder die kurzen
Fotoabfolgen an und gibt eine kleine Spende als Austritt
nach dem Kino- Vergnügen. Auch die ersten Ausstellungen
in Kunstgalerien hat er erfolgreich hinter sich gebracht.
Doch Volker will mehr. Nach alter Handwerkertradition
ist er seit dem 25. Mai auf der Walz: Mit nur einem Euro pro Tag
will er drei Monate zu Fuß durch Deutschland reisen, um seine
Daumenkinos als Wanderausstellung vorzuführen.
Von der Museumsinsel in Berlin ist er gestartet, quer durch den
Tiergarten und über die legendäre Prachtstraße Unter
den Linden. Der erste Daumenkinobesucher war ein kleines Mädchen,
die Tochter einer italienischen Eisverkäuferin, die Volker
daraufhin ein Eis spendierte. Auf dieselbe Weise kam er kurz darauf
zu einem Brötchen und etwas Obst.
Am Wannsee verbrachte er die erste Nacht, am nächsten Tag ging
es über Wanderwege und Landstraßen mitten ins ländliche
Brandenburg. Dort reagierten die Leute anders auf die Daumenkinos:
Meistens blieb es bei einem freundlichen, aber auch etwas hilflosen:
Einwandfrei!. Die Frau eines Gemüsehändlers
aus dem Potsdamer Landkreis fasste es deutlicher: So was brauchen
wir hier nicht!
Aber Unterstützung und freundliche Aufnahme
fand Volker überall. Allerdings nicht als Künstler, sondern
als Wanderer. Ich brauchte schon ein wenig Zeit, mich an diese
neue Rolle zu gewöhnen.
Inzwischen ist Volker bis Leipzig gewandert.
Dort will er seinen strapazierten Füßen ein wenig Ruhe
gönnen. Mit den Sachsen hat er bisher sehr gute Erfahrungen
gemacht. Sonst muss ich die Leute immer ansprechen, hier kommen
sie von ganz alleine auf mich zu!
Danach geht es weiter gen Süden, durch
Thüringen, Franken, Bayern und Schwaben bis nach Zürich.
Dort wohnt ein Daumenkinosammler, den Volker besuchen möchte.
Enden soll die Rundreise im Rheinland.
Neben der Freiheit des Wanderns geht es Volker
vor allem darum herauszufinden, wie die Menschen auf seine geliebten
Daumenkinos reagieren. Die meisten davon produziert er, indem er
innerhalb von 12 Sekunden einen kompletten 36er Film belichtet.
Dabei entstehen Momentaufnahmen, die eine Geste, einen Gesichtsausdruck
oder nur einen Augenaufschlag dokumentieren. Einmal nimmt Volker
sich selbst während einer Achterbahnfahrt auf, ein anderes
Mal macht er über eine ganze Nacht hinweg Fotos von einem Plattenbau,
der sich im Licht von unter- und aufgehender Sonne und Straßenlaternen
verändert.
Beim Daumenkino fasziniert ihn, dass der Betrachter
die Vorführung im wahrsten Sinne des Wortes selbst in der Hand
hat. Es steht jedem frei, langsam oder schnell zu blättern,
einzelne Bilder in Ruhe zu betrachten, den eigenen Rhythmus zu finden.
Trotz der Begeisterung für Daumenkinos:
Volker geht es bei der Reise auch darum, einen neuen Weg einzuschlagen.
Zur Ruhe kommen. Mit Menschen sprechen, die sonst hinter den Glasscheiben
von Auto oder Zug schweigend vorbeiziehen. Neben manchem Lachen
oder Kopfschütteln wird ihn der eine oder andere beneiden,
weil er für die Dauer der Reise sein eigenes Leben zum Daumenkino
macht und auch die Leerstellen erleben will, die andere so verzweifelt
vermeiden.
Autor: Niklas Schaab
3746 Zeichen (mit Leerzeichen)
Erstelldatum 01.06.2003
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